Tom wünschte sich so sehr mehr Verbindung zu seiner Frau.
Lilly war wunderbar.
Vorgestern Abend auf der Couch fragte er sie: „Was beschäftigt dich gerade?“
Lilly sah kurz auf. „Keine Ahnung. Nichts Besonderes.“ Dann wieder aufs Handy.
Tom nahm die Fernbedienung. Wieder so ein Filmabend. Sein Herz wurde schwer. Der Kopf hämmerte.
17 Jahre waren sie jetzt zusammen. Eine glückliche Beziehung, eigentlich. War es da nicht normal, dass vieles schon gesagt war?
Sie tauchten zusammen in Filme ab, aber immer seltener ineinander und in ihre Gedankenwelten. Tom sehnte sich nach Tiefe, nach echter Begegnung. Aber ging das 24/7?
Wenn er Lilly darauf ansprach, hörte sie zu. Dann zuckte sie mit den Schultern: „Aber es ist doch alles gut.“
Tom zog sich zurück und hoffte, dass Lilly ihm folgen würde. In das Land in ihm, in dem er dann verschwand. Dass sie ihn fragte, wo er ist und wofür. Aber Lilly war nicht halb so neugierig auf sich selbst und das Leben wie Tom.
Am Freitag sprach er auf dem Golfplatz mit Karl. Seinem Mentor. Diesem weisen Mann, für den er so dankbar war. Sie kannten sich vom Golfspielen und hatten schon manche Hürde gemeinsam genommen, Toms Hürden vor allem. Karl war einfach da und strahlte so viel Ruhe und Lebenserfahrung aus, dass Tom sich traute, ihn alles zu fragen.
Es war ein wunderschöner Tag. Nicht mehr Frühling, aber noch nicht Sommer. Das Gras leuchtete saftig grün, Löwenzahnblüten winkten vom Feldrand. Die Luft war frisch und wärmte Tom so, wie nur Sommerluft es kann. Er liebte diese Nähe zur Natur und zu Karl und seiner Weisheit.
Am nächsten Loch ignorierte er sein klopfendes Herz, nahm seinen Mut zusammen und fragte: „Wie kriege ich mehr Verbindung zu Lilly? Es ist nett zwischen uns, meistens leicht, aber mir einfach nicht tief genug.“
Karl schaute ihn lange an. Und er schwieg. Tom kannte das. Und sah geduldig zu, wie sich Karls Gedanken hinter seiner Stirn sortierten.
Karl atmete tief ein: „Ich kenne das so gut. Du bist so wie ich vor vielleicht 20 Jahren. Ich hatte so einiges erlebt, entdeckt und wollte das unbedingt immerzu spüren. Diese Nähe, diese Intensität, all das, was ich mit mir selbst immer mehr zu schätzen begann, wollte ich unbedingt auch in meiner Beziehung zu Chris erleben.“
Karl stützte sich auf den Schläger und sah in die grüne Weite. Er sprach weiter: „Und dann habe ich sie unter Druck gesetzt. Hab ihr jeden Abend gesagt, was ich von ihr erwarte. Dass ich mehr will. Mehr Nähe, mehr Verbindung, mehr Tiefe, mehr, mehr, mehr. Vor allem mehr Wollen, von allem mehr wollen.“
„Und Chris?“, fragte Tom vorsichtig. „Ich kenne gar keine Chris in deinem Leben.“
„Ja, das ist richtig“, sagte Karl. Seine Stimme wurde schwer. „Ich hab sie vertrieben damit. Ich hab sie mit meinen hohen Erwartungen, Forderungen und all dem Ego-Gerede aus meinem Leben vertrieben.“ Er machte eine Pause. „Das habe ich aber erst vor ein paar Monaten verstanden.“
Tom schluckte schwer. „Und was rätst du mir?“
Karl sagte: „Tom, schau hin, worum es wirklich geht.“ Er machte eine Pause. „Ist es wirklich Lilly, nach der du dich sehnst? Oder ist es die Verbindung zu dir selbst? Zu deiner Seele?“
Er wartete. Dann, leiser: „Oder ist es der kleine Tom, der sich nach seiner Mutter sehnt? Nach bedingungsloser Liebe?“
„Worum geht es, wenn du ehrlich zu dir bist?“
Nun schaute Tom ins Grüne. Er sah die uralte Linde am Rand des Golfplatzes, die er so liebte.
Eine Welle rollte durch ihn.
Karl hatte recht. Einmal mehr hatte er sofort seinen wunden Punkt erwischt. Es ging gar nicht um Lilly. Es ging um die Verbindung zu sich selbst. Zu seinem Herzen. Seinem Körper. Seiner Seele. Zu dem kleinen Jungen in ihm, der immer noch wartete.
Lilly war nur die, die das in ihm wachrüttelte, ihn aktivierte. Und er war in sein altes Muster gerutscht: Lilly sollte funktionieren und ihm das erfüllen, was er sich noch nicht selbst geben konnte.
Dankbar schaute er Karl an. Erleichtert, als hätte Karl 1000 Kilogramm von seinen Schultern genommen, sprach Tom: „Karl, du hast mich erwischt. Einmal mehr. Ja, genau darum geht es. Ich sehne mich nach echter Verbindung mit mir selbst. Und nur so kann ich Lilly dann auch wirklich begegnen. Nur ich selbst kann es gestalten. Und nicht dafür sorgen, dass sie das Richtige tut, damit ich mich gut fühle.“
„Na dann“, sagte Karl und griff nach seinem Schläger, „können wir ja jetzt unsere Runde fortsetzen.“ Er lächelte. „Ich bin gespannt, wie du golfst, wenn du mit dir wirklich verbunden bist. Mit dem Tom spiele ich nämlich am liebsten.“




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