„Das hat sie jetzt nicht wirklich gesagt.“ dachte Malou.
Ausgerechnet das sollte die Lösung sein?
Sie sass in der Spezialsprechstunde für Wechseljahresbeschwerden in der Charité in Berlin. Bis jetzt war es ein sehr angenehmer und wirklich guter Termin gewesen.
Die Ärztin hatte ihr bestimmt 100 Fragen gestellt. Der Raum war klein, die Rolladen ¾ runtergelassen. Die Schreibtischlampe verströmte ein gemütliches Licht. Es roch nur leicht nach Desinfektionsmittel.
Die Fliessband Atmosphäre des Flures hatte Malou mit Eintritt in das Zimmer hinter sich gelassen. Die Tür war ganz leise zugefallen, als wollte sie Malou sagen: «Hier bist Du sicher.» Malou war überrascht, wie angenehm der Besuch bis jetzt verlaufen war.
Sie nahm all ihren Mut zusammen, um auch noch das letzte Symptom ihrer Beschwerden der Ärztin zu sagen: endlich wieder 65 kg wiegen. Seit 4 Jahren versuchte sie es erfolglos. Nein, seit sie 16 war.
Früher hatte sie einfach ein paar Wochen Weight Watchers gemacht und ein paar Kilos verloren. Aber seit 4 Jahren klappte das nicht mehr. Egal wie viel, wie wenig oder auch was sie ass.
Malou hörte der Ärztin aufmerksam zu: «Es gibt ja noch die Abnehmspritzen.» begann sie behutsam ihre Antwort.
Ihre Unsicherheit, ob sie das so sagen darf, lag in der Luft. Malou spürte so klar das Nein in ihrem Körper. Alles wurde eng und verkrampft. Was würde sie ihrem Körper damit antun?
Sie schüttelte ihren Kopf. Und sagte: «Es weiss doch niemand, was das wirklich im Körper anrichtet, oder? Und ich hab von üblen Nebenwirkungen gelesen.» Die Ärztin nickte stumm. Sie schwiegen beide. Gemeinsam.
Und dann, ganz unerwartet, kam ein Gefühl, das sie so für sich selbst noch nie gespürt hatte: Mitgefühl. Sie spürte, wie ihr ganzer Körper weich wurde. Ihre Schultern sanken von alleine nach unten. Sie lehnte sich auf dem grauen, harten Krankenhausstuhl zurück.
Mitgefühl, für ihren wunderbaren Körper, der schon so viel erlebt hatte. Die beiden Fehlgeburten. Die völlig unkomplizierte Schwangerschaft mit den Zwillingen. Drei Jahre stillen, so lange, nie geplant. Und diese robuste, verlässliche Gesundheit.
Nie mehr Essen so richtig geniessen? Nie mehr in der Provence voller Vorfreude über den Markt schlendern? Die leuchtend roten Erdbeeren bewundern und die vielen verschiedenen Käsesorten bestaunen? Die Tomaten riechen, alle 47 Grüntöne der Oliven versuchen zu erfassen? Das Olivenöl probieren, das nach Sommer schmeckt? Nie mehr das Brot ihrer Freundin Cathy feiern, bei der jede Scheibe nach Heimat und Liebe schmeckte?
All das würde sie aufs Spiel setzen. Nur um wieder Größe 40 zu tragen?
Nein, das war es nicht wert. Das war nicht ihr Weg. Und würde es auch niemals sein.
Malou war erleichtert, als sie das so klar spürte. Endlich keine Diskussionen mehr mit sich selbst über die nächste Abnehmchancenidee.
Wie viel Geld hatte sie in diesem Thema versenkt? Den Gedanken schob sie schnell beiseite. Heute war nicht der Tag für Abrechnungen. Heute war der Tag für etwas ganz Neues.
Sie hatte gehofft, dass die Hormone ihr helfen würden, auch ihr Gewicht in Balance zu bringen. Aber diese Hoffnung hatte die echt sympathische Ärztin ihr heute genommen. Und es war o.k. so. Malou spürte, dass eine jahrelange Suche heute zu Ende ging. Sie fühlte was jetzt kam: ein neues Kapitel begann:
Das anzunehmen, was ist.
Und vielleicht war es ja eine viel bessere Idee, all die Energie, die sie ins Abnehmen-wollen gesteckt hatte, darin zu investieren, wirklich fit zu werden. So richtig richtig fit.
Ja, die Ärztin hatte es wirklich gesagt.
Und Malou fühlte tiefe Dankbarkeit in ihrem Herzen.




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