Es war kein Meeting, also gab’s keine Agenda, kein Ziel.
Der Chef brachte Dreikönigskuchen mit, und für einen kurzen Moment vergass Tom, dass er verantwortlich war.
Sie standen in der Küche, im Kreis, mit Kaffeebechern in der Hand. Jemand lachte zu laut, jemand anderes erzählte vom Jahreswechsel. Es roch nach Hefe, Zucker und diesem schwer zu beschreibenden Etwas, das entsteht, wenn Menschen kurz nichts müssen.
Tom griff nach einem Stück Kuchen. Ohne nachzudenken.
Er biss hinein und hielt inne.
Da war etwas Hartes
Er zog es vorsichtig aus dem Teig: eine kleine weisse Figur. Jemand reichte ihm schmunzelnd die Papierkrone.
Für einen Sekundenbruchteil war ihm das fast peinlich. Diese kindliche Freude, dieses Grinsen, das er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Dann lachten die anderen. Einer klopfte ihm auf die Schulter. Jemand rief: „Der König!“
Tom setzte sich die Krone auf.
Und für diesen Moment war er es wirklich.
Nicht im hierarchischen Sinn. Nicht als Titel.
Sondern als Teil des Spiels.
Später, zurück an seinem Schreibtisch, dachte er noch einmal daran. Wie leicht sich dieser Moment angefühlt hatte. Wie selbstverständlich. Wie lange er so etwas nicht mehr erlebt hatte.
Er merkte, dass ihn nicht die Krone beschäftigt hatte.
Sondern etwas anderes. Die halbe Stunde, in der niemand etwas wollte, niemand etwas musste und es nur darum ging, zusammen zu sein. Im wahrsten Sinne des Wortes: sein dürfen.
Ich führe, aber ich spiele nicht mehr.
Der Gedanke war ruhig. Kein Vorwurf. Keine Anklage. Eher eine Feststellung.
Wann war Führung so ernst geworden? So durchgetaktet? So zielorientiert, dass kaum noch Platz blieb für das Zweckfreie?
Am Abend stellte Tom ein Foto der Krone als WhatsApp-Status ein.
Er rechnete mit nichts und bekam überraschend viel Resonanz. Herzchen. Kommentare. Kurze Nachrichten.
„Wie schön.“
„Das vermisse ich.“
„Guter Start ins Jahr.“
Er las die Nachrichten mehrmals, weil er es kaum benennen konnte, was sie in ihm auslösten. Nicht, weil sie spektakulär waren, sondern weil sie etwas berührten, das offensichtlich viele kannten.
Tom hatte immer gern gespielt. Er hatte früher schnell ja gesagt, wenn es darum ging etwas zu tun, dass nichts musste, sollte oder würde. Und er hatte es schon ewig nicht mehr getan. Hatte er es verlernt?
Er dachte an sein eigenes Team. An die vielen Gespräche, die Zahlen, die Verantwortung. Und an die Stimmung, die oft zwischen Effizienz und Erschöpfung pendelte. All die Menschen, die er führte, die Komplexität, die ihn jeden Tag forderte. Er dachte daran, dass er dringend priorisieren musste, womit er das neue Jahr gestalten will.
Vielleicht, dachte er, gehört es auch zur Verantwortung von Führung, solche Räume zu öffnen. Nicht als Agendapunkt, nicht als Tool, mitgebracht aus einem Leadership Workshop.
Sondern als Einladung.
Ein Kuchen.
Ein kleines Spiel.
Eine halbe Stunde.
Manchmal braucht es nicht mehr, um sich wieder zu erinnern, wie sich Gemeinschaft anfühlt. Und sich dran zu erinnern, dass sie alle zusammen in diesem Boot sassen und er nicht alleine mit seiner Rolle war.
So viel konnte passieren in einer halben Stunde.




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