Es galt drei neue Termine zu finden, mit ihrem Coach.
Elly schrieb das Nötigste. Und schrieb dann noch dazu, dass Suse gestorben war. Immer mal wieder hatte sie in den Coaching Gesprächen erwähnt, wie krank Suse war und wie sehr alle unter der Situation litten. Ihre Freundin Suse war 9 Tage vor Weihnachten gestorben.
Nach 10 langen Monaten.
Ein Teil von Elly wusste: Es war eine Erlösung. Die Schmerzen waren vorbei. Vielleicht war die Seele nun an einem Ort, an dem sie sich ausruhen konnte.
Ein anderer Teil von ihr stand noch ganz am Anfang des Begreifens,
dass diese Stimme fehlte, dass sie ihr nie mehr direkt eine Frage stellen konnte, dass niemand mehr genau so antwortete, wie Suse, dass Nähe plötzlich eine Erinnerung war.
Sie schickte die Zeilen an ihren Coach. Im Rahmen eines umfangreichen Leadership-Trainings, das eigentlich von Entwicklung, Klarheit und Zukunft handelte, trafen sie sich alle 14 Tage persönlich in ihrem Büro. Sie wunderte sich, als keine Antwort kam.
Aber nur ein bisschen. Denn sie hatte einen klugen Satz von Tamara Dietl gelesen:
Es gibt tausende Arten zu sterben
und tausende Arten zu Trauern.
Wer weiss, was ihr Coach mit dem Thema Tod laufen hatte. So gut kannte sie ihn auch nicht. Etwas in ihr ahnte, dass er darauf auf seine ganz eigene Weise reagieren würde.
Als sie sich im neuen Jahr wieder trafen, sagte sie nichts dazu.
Sie setzten sich. Legten ihre Unterlagen bereit. Der Raum war ruhig.
Bevor er begann, stand der Coach noch einmal auf.
Er kam mit einer Kerze zurück.
Sie war aus Bienenwachs.
Klein und honiggelb. Warm in der Farbe.
Er erzählte, dass sie von einer Freundin stammte, die Imkerin ist. Aus einem ihrer eigenen Bienenstöcke.
Elly spürte, wie ihr der Atem stockte.
Nicht dramatisch. Still.
Der Coach improvisierte aus Alufolie und einem kleinen Teller einen Kerzenständer.
Dann zündete er die Kerze an.
„Sie ist heute hier bei uns.“ sagte er.
Während des Gesprächs flackerte das Licht ruhig vor sich hin.
Manchmal bemerkte Elly es kaum.
Manchmal zog es ihre Aufmerksamkeit ganz zu sich.
Sie sprachen über Führung. Über Verantwortung. Über Grenzen.
Über das Aushalten von Unsicherheit.
Über das Weitergehen, ohne dass alles wieder ganz wird.
Und irgendwo dazwischen war sie da.
Suse, ihre Freundin.
Nicht als Gedanke. Nicht als Schmerz.
Sondern als Präsenz.
Als die Stunde zu Ende ging, fiel Ellys Blick auf den Teller.
Die Kerze war vollständig heruntergebrannt.
Übrig geblieben war nur ein kleiner Ring aus Bienenwachs.
Und ein schwarzer Punkt dort, wo der Docht gewesen war.
Elly sah ihn lange an.
Und wusste plötzlich: So wird es sein.
Suse würde bleiben. Nicht immer gleich. Nicht immer sichtbar.
Aber genau so wie es für Elly wirksam war.




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